Chaos und Shitstorm empörter Fahrgäste nach Fahrplanwechsel

Piepenburg+Gall_HSt

Innenminister Gall und Landrat Piepenburg haben es sich am Samstag in der neuen Stadtbahn bequem gemacht. Ob man die Herren wohl öfter auf der fast eine Stunde dauernden Fahrt von Mosbach nach Heilbronn antreffen wird? ©Heilbronner Stimme

Der erste Tag nach dem Fahrplanwechsel mit der neuen Stadtbahnlinie S41 auf der Strecke von Neckarsulm bis Mosbach-Neckarelz verlief offenbar extrem chaotisch. Vielerorts warteten Fahrgäste vergeblich auf Bus oder Bahn und mussten überrascht feststellen, dass Busse nicht mehr gewohnte Routen und Strecken fahren und sie nun umsteigen müssen. Auf der Facebook-Seite der Heilbronner Stimme entlud sich ein wahrer Shitstorm über die Neuplanung bei Bus und Bahn und fehlende Informationen. Dutzende Fahrgäste machten ihrem Ärger Luft und berichteten von doppelt so langen Fahrzeiten als zuvor durch den Umsteigezwang auf die Stadtbahn. Schüler kamen wegen fehlender Verbindungen nicht mehr in ihre Schulen. Heftig kritisiert wurde zudem, dass es keine Direktverbindungen per Bus mehr aus den Nachbarkommunen nach Heilbronn gibt. Die Kommentare reichen von „Totaler Mist“ über „Katastrophe“ bis zu „Welche Narren haben dieses Konzept erarbeitet?“ Auch viele Busfahrer waren mit der neuen Situation offensichtlich überfordert. Eine Auswahl der Facebook-Postings findet sich im ersten Kommentar zu diesem Artikel!
Hinzu kamen zudem erneut technische Probleme mit den neuen Stadtbahnfahrzeugen der Albtalverkehrsgesellschaft (AVG). Nach einem Bericht der Rhein-Neckar-Zeitung kam es bereits am Sonntag zum Ausfall mehrerer Züge aufgrund technischer Probleme. Die AVG bedauerte die Unannehmlichkeiten auf der neuen Strecke, die Technik habe in manchen Bereichen mal wieder nicht funktioniert, so eine Sprecherin. Aufgrund der komplett neuen Züge sei es im ersten „Stresstest“ des regulären Betriebs zu Schwierigkeiten gekommen. Seltsam nur, dass die neuen Züge bereits seit einem Jahr zwischen Heilbronn und Neckarsulm im Regelbetrieb fahren, aber nun offenbar auf dem Weg nach Mosbach reihenweise schlapp machen… Verschärft wurde die Situation zudem durch Verspätungen, so dass Pendler aus Mosbach-Neckarelz, die nun in Neckarsulm auf die Deutsche Bahn (DB) Richtung Stuttgart umsteigen müssen, ihren Anschluss verpassten. Wieder einmal hat offenbar die Kommunikation zwischen AVG und DB nicht funktioniert.
Der VCD Regionalverband Hall Heilbronn Hohenlohe hat die Verantwortlichen Herren im Landratsamt in der Abteilung „Bauen, Planen, Umwelt“ unter der Leitung von Claus-Jürgen Renelt seit Jahren MEHRFACH auf die Probleme für die Fahrgäste mit dem ungünstigen Takt der Stadtbahn Nord, nicht machbaren Anschlüssen und dem erzwungen Umstieg zwischen Bus und Bahn hingewiesen.
Die Stadtbahn muss das Verkehrsangebot VERBESSERN und darf nicht einfach bestehende Bahn- und Busverbindungen mit allen Nachteilen ERSETZEN! Der VCD hat auch darauf hingewiesen, dass zwischen NSU-Zentrum und HN-Zentrum es neben den RE/RB-Zügen bisher MINDESTENS 4 Busfahrten je Stunde gab. Fahrgäste aus Bad Wimpfen, Untereisesheim, Obereisesheim, Neckarsulm, Amorbach, Kochendorf, Jagstfeld und aus dem Kochertal konnten direkt durch die Neckarsulmer Innenstadt und Südstadt die Heilbronner Innenstadt erreichen. Nun gibt es in diesem großstädtischen Ballungsraum nur noch 3 Fahrten je Stunde mit der Stadtbahn, die kaum schneller ist als bisher der Bus. Aus fast allen Nachbarkommunen muss nun auf dem Weg nach Heilbronn umgestiegen werden. Dass dies nicht funktionieren wird, haben die Fahrgäste in den letzten Jahren schon schmerzlich im Weinsberger Tal erleben müssen. Aber ein belastbares Verkehrskonzept sucht man auch bei der Stadtbahn Nord bislang vergeblich.
Gleich am zweiten Betriebstag konnten die Fahrgäste zudem die negativen Folgen dieses Konzeptes am eigenen Leib erfahren: In der Austraße kam es zu einem Zusammenstoß zwischen einer Stadtbahn und einem PKW. Die Strecke musste daraufhin gesperrt werden, so dass es keine Verbindung mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen Neckarsulm und der Heilbronner Innenstadt gab!

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Stadtbahn Nord: Kosten steigen bereits

Trotz Verbesserungen gibt es Kritik berichtet Ute Plückthun in der Heilbronner Stimme aus einer Gemeinderatssitzung in Bad Friedrichshall. Wenn 2012 die Stadtbahn Nord kommt, soll auch der Fahrplan der Frankenbahn optimiert werden. Konkretes weiß man aber nicht, was die Gemeinderäte teils verärgert: Durch den Einsatz von zwei weiteren Zugpaaren ist an Nachmittagen annähernd ein Ein-Stunden-Takt geplant. „Wenn das Regionalexpresse sind, nützt uns das gar nichts“, ärgerte sich Silke Ortwein. Kleinere Bahnhöfe wie Untergriesheim, Siglingen oder Züttlingen blieben dann weiter links liegen. Zur Verbesserung des Pendlerverkehrs forderte sie zudem einen Halb-Stunden-Takt.
Interessant ist vor allem, dass die Kosten beim Ausbau der Stadtbahn Nord schon wieder zu steigen beginnen:
Zur Kenntnisnahme hatte Bürgermeister Peter Dolderer seinem Gremium die derzeit laufende Entwurfs- und Genehmigungsplanung des Landratsamts Heilbronn zur Stadtbahn vorgelegt. Eine aktuelle Schätzung offenbart, dass die Kosten um fünf Millionen Euro von der ursprünglichen Planung abweichen: War man im Sommer 2008 noch von 57 Millionen Euro für das Projekt Stadtbahn Nord ausgegangen, sind es jetzt 62 Millionen Euro. Auslöser der Kostenerhöhung ist laut Landratsamt zum einen der aus statischen Gründen notwendige vollständige Neubau der bislang eingleisig vorgesehenen Eisenbahnüberführung in Bad Wimpfen mit zwei Gleisen. Zum anderen sei der neu zu bauende zweigleisige Streckenabschnitt zwischen der Stadtgrenze Heilbronn und dem Bahnhof Neckarsulm mit Kosten steigernden Schwierigkeiten verbunden. „Die Unwägbarkeiten hätten gleich in den Planungsprozess mit aufgenommen werden sollen“, meldete sich Horst Schulz zu Wort. Er plädierte dafür, „die Kosten festzuschreiben, sonst haben wir am Ende ein Fass ohne Boden“. Bürgermeister Dolderer gab zu, „dass es unbefriedigend verläuft“, versprach dem Gemeinderat jedoch, zur Beschlussfassung „noch vor den Sommerferien geprüfte Zahlen auf dem Tisch“ zu haben.

Nachtrag: Die Heilbronner Stimme hat das Thema inzwischen groß aufgegriffen: Baukosten steigen um bis zu 15 Prozent