Ludwig

Nahverkehrsexperte und „Erfinder“ der Zweisystem-Stadtbahn Dr.-Ing.e.h. Dieter Ludwig zur Frankenbahn und einem möglichen S-Bahnverkehr von Heilbronn bis Möckmühl, Stand September 2009:

„Wir fahren für das gleiche Geld doppelt so viele Züge wie die Deutsche Bahn“

Dr. Dieter Ludwig Der langjährige Chef der Karlsruher Albtalverkehrsgesellschaft (AVG) und Erfinder der modernen Regionalstadtbahn Dieter Ludwig (Foto: privat) engagiert sich auch noch im Ruhestand mit Leidenschaft, Sachverstand und Unternehmergeist für einen besseren Schienenverkehr. Ludwig hat 1999 die Stadtbahn nach Heilbronn gebracht und sieht auch in der Strecke der Frankenbahn über Osterburken und Lauda nach Würzburg genügend Potenzial für eine moderne S-Bahn im Taktverkehr. Voraussetzung: Das Land Baden-Württemberg müsste diese Leistungen viel günstiger bei der AVG einkaufen statt bei der Deutschen Bahn (DB). Im Interview mit Michael Schwager spricht Ludwig über Perspektiven und Chancen für die Frankenbahn.

Herr Ludwig, Sie haben die Strecke von Heilbronn nach Osterburken persönlich in Augenschein genommen, wie bewerten Sie die Zukunft der Frankenbahn?
Ludwig: In der Region leben über 60.000 Menschen, das ist genügend Potenzial für einen modernen Regionalverkehr mit Stadtbahnen. Das Beste: Man müsste noch nicht einmal viel investieren, es ist ja alles vorhanden! Die Strecke ist elektrifiziert, fast durchgehend zweigleisig, die Bahnhöfe liegen ortsnah, es gibt moderne Stellwerkstechnik. Die Bürgermeister im Jagsttal können sich glücklich schätzen, eine solche Infrastruktur zu haben! Wir könnten schon morgen mit unseren Stadtbahnen nach Osterburken fahren!

Und was ist mit dem Rest der Strecke bis Lauda und Würzburg?
Der schnelle Regionalexpress oder Intercity von Stuttgart über Heilbronn nach Würzburg muss natürlich weiter verkehren. Das Endziel für den Stadtbahnverkehr kann nur Lauda sein, so wie auch die Stadtbahn auf der Hohenlohebahn eigentlich über Öhringen hinaus bis Schwäbisch Hall fahren muss. Mit diesem Konzept würden wir die ganze Region zwischen Neckar und Tauber im Nahverkehr erschließen und dieser ganz neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.

Und was wäre vor Ort zu tun?
Man müsste natürlich ein paar zusätzliche Haltepunkte bauen, in Möckmühl habe ich schon zwei weitere ausgemacht. Kein Mensch läuft heute mehr zwei Kilometer zum Bahnhof. Wir müssen die Bahn zu den Menschen bringen, sie dort abholen, wo sie leben und sie dahin bringen, wo sie hinwollen. An diesen Investitionen müssten sich die Kommunen beteiligen, doch ich kann auch versichern, dass bislang keiner der von uns gebauten Haltepunkte mehr als 300.000 Euro gekostet hat.

Aber würde sich das denn überhaupt rechnen? Es heißt immer wieder, die Nachfrage für mehr Züge auf der Frankenbahn würde nicht ausreichen…
Das hat man schon bei vielen Strecken behauptet, auf denen wir heute mit großem Erfolg unsere Stadtbahnen betreiben. Ich darf daran erinnern, dass die DB noch in den 90er Jahren die Kraichgaubahn am liebsten stillgelegt und zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall das zweite Gleis abgebaut hätte. Heute würde man solche Ideen für total verrückt erklären. Wir fahren selbst auf abgelegenen Strecken im Schwarzwald mit großem Erfolg, warum sollte das nicht auch auf der Frankenbahn im Ballungsraum Heilbronn funktionieren?

Und wie wollen Sie das erreichen?
Ganz entscheidend für den Erfolg einer Regionalbahn ist vor allem das Konzept. Man muss der Bürgerinitiative Frankenbahn und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) dankbar sein für deren Engagement, das die Probleme auf der Frankenbahn überhaupt erst öffentlich gemacht und ins Bewusstsein der Politik gebracht hat. Es ist aber auch klar, dass es nicht ausreicht, sich für ein Züglein mehr oder weniger zu verkämpfen. Wenn man es richtig machen will, dann muss man das System grundlegend ändern und braucht einen großen Wurf.

Und wie kann der aussehen?
Wir sind Dienstleister und müssen für unsere Kunden da sein. Wie bei allen unseren Linien müssen moderne, bequeme Züge von früh morgens bis spät nachts im Takt fahren, und das vor allem auch am Wochenende. Wer abends nach dem Theater- oder Kinobesuch nicht mehr aus Heilbronn nach Möckmühl kommt, der fährt mittags erst gar nicht hin. Neue Kunden für die Bahn kommen heute nur vom Autoverkehr. Die Züge müssen auch direkt und umsteigefrei in die Innenstadt fahren. Das Gesamtangebot muss daher durchdacht und gut geplant sein. Dann stellt sich der Erfolg von alleine ein.

Das klingt alles sehr selbstbewusst…
Ich habe im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit 47 Stadtbahnstrecken eingeweiht, wir betreiben heute ein Netz von 600 Kilometern Länge, und das mit großem Erfolg. Man darf ja nicht nur die Investitionskosten sehen. Die Stadtbahn bringt immer auch mehr Fahrgäste auf die Schiene, teils achtmal so viele wie vorher! Das sind alles auch mehr Einnahmen, und diese wollen wir haben! Wir betreiben heute Strecken, die sind teils so erfolgreich, dass die Anliegerkommunen keine Betriebskostenzuschüsse mehr bezahlen müssen.

Wenn das alles so einfach ist, warum wird es dann nicht gemacht?
Das liegt an dem bestehenden, überteuerten Verkehrsvertrag zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Deutschen Bahn. Dieser Vertrag muss eliminiert werden. Für das gleiche Geld, was das Land derzeit für eine DB-Regionalbahn zwischen Heilbronn und Osterburken bezahlt, würden wir doppelt so viele Züge fahren. Ein Stadtbahnbetrieb bis Osterburken wäre zudem besonders günstig zu organisieren, da die Stadtbahn ab 2012 ja sowieso schon von Heilbronn bis Jagstfeld fährt. Wir brauchen nur einen Triebwagen an die Sinsheimer oder Neckarelzer Stadtbahn dranhängen und in Jagstfeld abkuppeln. Zusätzliche Verwaltungskosten würden dabei kaum entstehen.

Was raten Sie der Region?
Sie muss beim Land darauf drängen, dass die Nahverkehrsleistungen zwischen Heilbronn, Bad Friedrichshall und Osterburken aus diesem unsäglichen Verkehrsvertrag mit der DB herausgenommen und künftig bei einem günstigeren Betreiber wie der AVG bestellt werden. Die DB kann stattdessen ja anderweitige Leistungen übernehmen. Die Nahverkehrsgesellschaft muss nur den Verkehr bei uns bestellen, dann würden wir sofort loslegen. Wir werden 2012 mit unseren Stadtbahnen in Neckarsulm sein, es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir dann nicht auch in Osterburken wären!

Zur Person: Dieter Ludwig (70) war langjähriger Geschäftsführer der Karlsruher Albtalverkehrsgesellschaft (AVG), des Karlsruher Verkehrsverbundes und der Verkehrsbetriebe. Er war auch Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und Erfinder des so genannten „Karlsruher Modells“ mit Zweisystem-Stadtbahnen, die als Straßenbahn in der Stadt und als Eisenbahn in die Region verkehren.
Ludwig war immer ein Vorkämpfer für kundennahe und pragmatische Lösungen im Öffentlichen Verkehr und hat schon früh die Bedeutung moderner und flexibler Bahnsysteme für die Entwicklung des ländlichen Raumes erkannt. Ohne den unermüdlichen Einsatz und die Überzeugungskraft von „Mister 15.000 Volt“ gäbe es heute wohl keine Stadtbahn zwischen Heilbronn und Öhringen oder auf Strecken im Schwarzwald zum Beispiel nach Freudenstadt.
Inzwischen betreibt die AVG von Karlsruhe aus ein Streckennetz von über 600 Kilometern Länge und befördert jährlich über 175 Millionen Fahrgäste. Selbst im wohl verdienten Ruhestand sagt Ludwig noch: „Ich werde bis zum letzten Atemzug für die Schiene kämpfen.“
© copyright: Michael Schwager, SCRITTI.Kommunikation

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30 10 2009

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